Wie der Himmel am 19. Januar 2026 magisch leuchtete
Es gibt Nächte, die vergisst man nicht.
Die Nacht vom 19. auf den 20. Januar 2026 war so eine. Kälte lag in der Luft, der Himmel war klar – und plötzlich begann er zu leuchten. Erst ganz zart, dann immer deutlicher. Grün, ein Hauch von
Rot, Bewegung dort oben, wo sonst nur Dunkelheit ist. Polarlichter über Deutschland. Ein Geschenk der Natur für alle, die aufmerksam genug waren, hinzusehen – und schnell genug, die Kamera zu
holen.
Schon lange beobachte ich Sonnenstürme und Polarlichtwarnungen für Deutschland. Im Mai und im Oktober 2024 – auf dem Höhepunkt des rund elfjährigen Sonnenzyklus – reichten die Polarlichter bereits ungewöhnlich weit nach Süden, bis hinunter zu den Alpen. Seitdem gab es immer wieder Ankündigungen, Hoffnungen, Warnungen. Meist blieb es jedoch bei schwachem, rein fotografischem Polarlicht tief am nördlichen Horizont – sichtbar nur durch die Kamera als durch das Auge.
Am Abend des 18. Januar 2026 änderte sich das. Auf der Sonne ereignete sich an dem Abend eine extrem starke Sonneneruption, bei der große Mengen Plasma in Richtung Erde geschleudert wurden. Normalerweise braucht dieses Sonnenmaterial zwei bis drei Tage bis zu uns. Doch diesmal war die Eruption so gewaltig, dass die Teilchen bereits nach gut einem Tag eintrafen. Selbst viele Vorhersagemodelle hatten damit nicht gerechnet.
Draußen ist es eisekalt. Minus sechs Grad.
Ich sitze auf dem Sofa, die Kameraausrüstung steht griffbereit, aber innerlich bin ich skeptisch. Zu oft hatte es in den letzten Monaten Fehlalarm gegeben. Die Erfahrung sagt: trotz der sehr starken Sonneneruption, einem sogenannter X-Klasse-Flare – konkret der Klasse X1.9 – und dem erdgerichtetem koronalen Massenauswurf (CME) passt wahrscheinlich wieder (salopp gesagt) der Rest an Werten nicht und der CME verpufft, also kein Himmel voller Farbe.
Trotzdem bleibe ich aufmerksam. Ich beobachte die Anzeigen in verschiedenen Apps, sehe mir Webcams an, verfolge Diskussionen in meinen Social-Media-Gruppen. Zwischendurch gehe ich auf unseren nach Nordwesten gerichteten Balkon und mache testweise ein Handyfoto im Nachtmodus. Die Kamera sieht mehr als das Auge, vor allem bei schwachem Polarlicht. Nach Norden hin verdeckt ein Berg den Horizont zur Hälfte – sichtbar würde es nur werden, wenn das Leuchten hoch genug steigt.
Eine halbe Stunde auf den Berg zu fahren, um dort auf Verdacht in dieser Kälte auszuharren und zu warten, erscheint mir gelinde gesagt unvernünftig, ich bleibe.
Um 21:26 Uhr ändert sich alles.
Auf dem Display meines Handys erscheint plötzlich ein zartes, pinkfarbenes Leuchten über dem Berg. Mit bloßem Auge ist nichts zu erkennen – aber meine Handykamera lügt nicht.

Sofort ist mir klar: Es geht los!
Ich ziehe mir schnell warme Kleidung an, greife zur vorbereiteten Fotoausrüstung und fahre ins flache Alte Feld bei Arnsberg. Zehn Minuten Fahrt, in denen der Blick immer wieder zum Himmel geht. Dann stehe ich mitten im Feld, den Blick auf Arnsbergs Kreuzbergkapelle links und die Altstadt rechts gerichtet, baue Stativ und Kamera auf.
Und da sind sie, als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, sehe ich sie - rote Schleier und eine grüne Wand über dem nördlichen Horizont!
Nicht nur auf dem Kamerasensor, sondern später auch überall über mir. Mein Weitwinkelobjektiv 14mm an der Vollformatkamera reicht nicht aus, alles einzufangen. Rot und grün leuchtende Polarlichter ziehen über den Himmel, bewegen sich, wabern – bis senkrecht über meinen Kopf hinweg. Immer wieder schießen grüne Schwaden in die Atmosphäre. Die Kamera macht sichtbar, wie intensiv die Farben wirklich sind, doch das Entscheidende ist: Dieses Mal kann man sie sehen! Blasser zwar als die Kamera, aber ohne Technik und ohne Zweifel. So habe ich die Polarlichter auch schon im hohen Norden erlebt
Es ist unglaublich - einfach unfassbar!
In dieser Nacht passt alles zusammen: ein außergewöhnlich starker Sonnensturm, enorme Plasmamengen, stimmige Werte. Die Magnetfelder von Sonne und Erde konnten sich optimal verbinden – und für einen kurzen Moment zeigte der Himmel über Deutschland, wozu er fähig ist.
Polarlichter in Deutschland - 10. Mai 2024
Was die Kamera zeigt – und warum viele die Polarlichter verpassen
Was wir mit den Augen sehen, ist nicht das, was die Kamera "sieht".
In dieser Nacht war die Kamera mehr als nur ein Werkzeug. Sie war eine Übersetzerin zwischen dem, was der Himmel tatsächlich zeigt, und dem, was das menschliche Auge wahrnehmen kann. Denn beides ist nicht dasselbe.
Unsere Augen reagieren empfindlich auf Bewegung, aber deutlich zurückhaltender auf schwache Farben in der Dunkelheit. Polarlichter erscheinen deshalb oft nur als fahles Leuchten, als Schleier, als Aufhellung oder als Bewegung dort oben, wo eigentlich nur Dunkelheit herrscht. Die Kamera hingegen sammelt Licht über mehrere Sekunden. Sie addiert das, was wir nur bruchstückhaft sehen – und macht sichtbar, was real vorhanden ist, uns aber leicht entgeht.
Auf den Kameraaufnahmen wurden die Farben intensiver und klarer. Rottöne legten sich über den Himmel, grüne Bögen spannten sich darüber, Strukturen wurden erkennbar. Jede Belichtung zeigte etwas anderes, denn der Himmel war in ständiger Bewegung. Kein Moment ließ sich wiederholen.
Viele Freundinnen und Freunde schrieben mir, während ich auf dem Feld stand und nur noch staunte über das, was sich da vor und über mir abspielte, dass sie keine Polarlichter sehen würden. Andere erzählten mir später, dass sie in dieser Nacht vergeblich nach ihnen gesucht hatten. Sie standen kurz draußen, blickten in den Himmel oder schauten aus dem Fenster – und gaben wieder auf. Nicht, weil nichts zu sehen gewesen wäre, sondern weil sie etwas anderes erwartet hatten.
Wir sind geprägt von Bildern aus Social Media: von kräftigen Farben, klaren Formen, spektakulären Explosionen am Himmel. Auch meine eigenen Fotos und Videos zeigen Polarlichter so, wie Kameras sie sehen. Der reale Himmel ist meist leiser. Wer auf die große Farbshow wartet, übersieht oft das, was bereits da ist.
Polarlichter verlangen Geduld. Und einen Blick, der nicht sofort bewertet, sondern beobachtet. Manchmal reicht es, stehen zu bleiben, den Augen Zeit zu geben – oder eine gute Handykamera dabeizuhaben, die im Nachtmodus hilft, genauer hinzusehen.
Polarlichter in Deutschland - 10. Oktober 2024
Polarlichter - Wie entstehen sie überhaupt?
In meinem Blogartikel "Polarlichter über Deutschland vorhersagen" findest du Erklärungen, Tipps und Links, die dir beim Verstehen und Vorhersagen von Polarlichtern helfen:
Wie fotografiere ich Polarlichter?
In meinem gleichnamigen Blogartikel zeige ich dir wie's geht:
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